Ausgabe zu Kupfer und zu Selen
Wissenschaftliche Fakten zu zwei Mineralien — gemäß EU-Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Zur ausführlichen AnleitungDanburithof ist eine Schriftenreihe über einzelne Mineralstoffe. Die vorliegende Ausgabe nimmt sich zwei davon vor. Für beide führt der Anhang zur Verordnung (EU) Nr. 432/2012 je eine eigene Zeile, die auf die normale Funktion des Immunsystems Bezug nimmt. Die zwei Zeilen stehen hier nebeneinander — jede bei dem Element, für das sie hinterlegt ist, und keine von beiden zu einer gemeinsamen Aussage verbunden.
Ein Übergangsmetall mit der Ordnungszahl 29. Der Gesamtbestand eines erwachsenen Körpers wird in der Fachliteratur mit ungefähr 50 bis 120 Milligramm beziffert; den größten Anteil davon führen Leber, Gehirn, Skelett und Muskulatur. Aufgenommen wird das Element im oberen Dünndarm, gesteuert wird die im Körper verbleibende Menge dagegen weiter hinten — in der Leber und an ihrem Ausgang zur Galle.
In Gehaltstabellen führen Rinderleber, Kakaopulver, Cashewkerne, Sonnenblumenkerne und Vollkornerzeugnisse die Reihe an. Anhang XIII der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 setzt für Kupfer einen Bezugswert von 1 mg je Tag an.
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Ein Halbmetall mit der Ordnungszahl 34, in der sechsten Hauptgruppe eine Zeile unter dem Schwefel. Anders als beim Kupfer hängt hier schon der Weg in den Körper daran, in welcher Verbindung das Element ankommt: Die aminosäuregebundene Form nimmt der Dünndarm in gemessenen Anteilen von deutlich über neunzig Prozent auf, während die anorganischen Salze eigene Transportwege benutzen.
Paranuss, Kabeljau, Schweinefleisch, Linsen und Weizenvollkorn erscheinen in den veröffentlichten Reihen mit den höchsten Werten. Anhang XIII setzt für Selen einen Bezugswert von 55 µg je Tag an — angegeben in Mikrogramm, nicht in Milligramm.
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Über die Aufnahme von Spurenelementen ist viel geschrieben worden, über ihren Rückweg deutlich weniger. Dabei zeigt sich gerade dort, wie ein Körper mit einer schwankenden Zufuhr umgeht. Kupfer und Selen sind dafür ein lehrreiches Paar: Beide gelangen über die Dünndarmschleimhaut hinein, verlassen den Körper aber an völlig verschiedenen Stellen und in völlig verschiedener chemischer Gestalt.
Nach der Aufnahme in die Darmzelle tritt Kupfer in das Blut der Pfortader über und wird dort locker an Albumin und an kleine Komplexe mit Aminosäuren gebunden weitergereicht. Diese erste Fahrt ist kurz: Sie endet in der Leber, und zwar bei nahezu jedem Atom, das den Darm passiert hat. Was die Leber danach mit dem Metall anfängt, teilt sich in zwei Stränge. Ein Teil geht in Eiweiße ein, die das Organ selbst herstellt und wieder in das Blut abgibt. Der andere Teil wird für den Rückweg vorbereitet.
Dieser Rückweg führt in die Gallenflüssigkeit. Sie nimmt das überschüssige Kupfer auf und trägt es in den Darm zurück — jedoch in einer Bindungsform, aus der es kaum noch ein zweites Mal aufgenommen wird. Genau diese Einbahnstraße macht die Galle zum eigentlichen Mengenventil: Steigt die Zufuhr, steigt die abgegebene Menge mit. Die Niere spielt bei diesem Element nur eine Nebenrolle; im Harn erscheinen unter gewöhnlichen Bedingungen sehr geringe Anteile.
Von alledem sagt der Anhang der Verordnung nichts. Er führt zu diesem Element eine einzige Zeile, und sie lautet:
„Kupfer trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Beim Selen beginnt die Verzweigung früher. Kommt das Element als Selenomethionin, also eingebaut in eine Aminosäure, so benutzt es die Transportwege dieser Aminosäure und wird zum Teil unverändert in gewöhnliche Körpereiweiße eingesetzt, wo es an der Stelle von Methionin sitzt. Diese Menge liegt dann nicht in einer gesteuerten Form vor, sondern folgt schlicht dem Umsatz der Eiweiße, in denen sie steckt. Kommt das Element dagegen als Selenit oder Selenat, tritt es rascher in denjenigen Stoffwechselzweig ein, der für den Weiterbau bestimmt ist.
Was nicht weiterverbaut wird, wird methyliert. Die Fachliteratur beschreibt eine Staffel: Zuerst entsteht Methylselenol, aus dem sich die weiteren Formen ableiten. Bei üblicher Zufuhr verlässt der größte Anteil den Körper als methylierter Selenozucker über den Harn. Steigt die Zufuhr, treten stärker methylierte Formen hinzu: das Trimethylselenonium-Ion, ebenfalls im Harn, und Dimethylselenid, das flüchtig ist und über die Atemluft entweicht. Der Ausgang liegt bei diesem Element also an der Niere und, in kleinerem Maßstab, an der Lunge — nicht an der Galle.
Auch hier gilt: Die Beschreibung ist redaktioneller Sachtext. Behördlich geprüft und zitierfähig ist allein die Zeile, die der Anhang für Selen führt:
„Selen trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“
Gemäß Verordnung (EU) Nr. 432/2012
Wer die zwei Formulierungen liest, findet darin ein Element und sonst keine Chemie. Weder Kupfergluconat noch Natriumselenit kommen darin vor, obwohl der Weg durch den Körper — wie der vorige Abschnitt zeigt — sehr wohl davon abhängt, in welcher Verbindung ein Atom ankommt. Das hat einen einfachen Grund: Die Frage nach dem zulässigen Wortlaut und die Frage nach der zulässigen Verbindung stehen in zwei verschiedenen Rechtsakten, und der eine verweist nicht auf den anderen.
Welche Verbindungen als Quelle eines Elements in Nahrungsergänzungsmitteln in Betracht kommen, listet Anhang II der Richtlinie 2002/46/EG; für den Zusatz zu gewöhnlichen Lebensmitteln führt Anhang II der Verordnung (EG) Nr. 1925/2006 eine eigene Aufstellung. Der Anhang zur Verordnung (EU) Nr. 432/2012 dagegen kennt nur das Element. Die ausführliche Fassung dieser Ausgabe stellt beide Listen nebeneinander und zeigt, welcher Text welche Frage beantwortet.
Die gedruckte Fassung geht weiter, als eine Website es sinnvoll kann: der Kupferweg von der Darmzelle bis in die Gallenflüssigkeit als gezeichnete Abfolge, die Methylierungsstaffel des Selens mit jeder Zwischenstufe, beide Gehaltstabellen in voller Länge statt in einer Auswahl von acht Zeilen, die zwei Verbindungslisten aus den benachbarten Rechtsakten im Abdruck sowie ein Verzeichnis der herangezogenen Arbeiten mit Jahreszahl und Fundstelle.
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